Queraufstieg Berlin

Mit Nadel und Faden statt Bits und Bytes

Lukas Reinhardt, Ausbildung zum Polsterer


Lukas Reinhardt greift zum Schraubendreher und mit wenigen Handgriffen ist das passende Nähfüßchen ausgetauscht. Dann fädelt er noch das passende Garn durch die kleinen Laufrollen und die Nadel an der Maschine, legt sich den Stoff zurecht und setzt aufmerksam die Naht. Unter seinen Fingern läuft weicher, türkisfarbener Möbelvelours durch die Nähmaschine, ein Stück Material, mit dem er anschließend das Seitenteil eines alten Sessels besetzt. Doch erst muss noch Füllmaterial auf das Holzgestell aufgetragen werden, und es sind viele weitere Handgriffe nötig, ehe der Möbelbezugsstoff fest über die Seiten gezogen und der Sessel seine finale Form und Dekorierung erreichen wird.

Lukas Reinhardt arbeitet hochkonzentriert und wirkt doch entspannt dabei. Das kann der 23-Jährige auch sein, denn seine Probezeit als Auszubildender hat er bereits erfolgreich absolviert. Seit Juli 2017 hat Lukas Reinhardt einen Ausbildungsvertrag als Polsterer bei der Raumausstattungsfirma Geisler in Berlin-Zehlendorf. "Eigentlich ist es eher ein Zufall, dass ich in diesem Beruf gelandet bin."

Und ein glücklicher Zufall dazu.

Denn die vergangenen drei Jahre seit dem Abitur 2014 im sächsischen Freital waren nicht gerade weich gepolstert. "Ursprünglich wollte ich Gamedesign in Berlin studieren." Doch der Aufnahmetest dafür gelingt nicht. Um die Zeit bis zum nächsten zu überbrücken, beginnt er Archäologie zu studieren. "Ich dachte, dass es interessant wäre. Die Antike, Kultur und Geschichte haben mich schon interessiert", begründet der Wahlberliner die Zwischenlösung.

Weil auch die zweite Aufnahmeprüfung für Gamedesign misslingt, wechselt er den Studiengang und wählt an der TU Berlin Technische Informatik, denn das Programmieren liegt zumindest näher an seinem ursprünglichen Berufsziel. "Schon im Abi hatte ich mich ja damit beschäftigt, auch den Leistungskurs belegt." Jedoch ist das Studium wesentlich anspruchsvoller. "Den Informatikteil habe ich wirklich gut hinbekommen. Nur Mathematik und Physik waren dabei umfangreicher. Und da ist es nicht so gut gelaufen", resümiert Lukas Reinhardt. Im dritten Semester schleichen sich leise Zweifel ein, ob das Studienfach die richtige Entscheidung ist.

"Man kann Prüfungen ja auch aufschieben, dann hält man ein bisschen länger durch. Aber man muss sich irgendwann eingestehen, dass man es eigentlich nicht schafft."

Ein kleiner und nicht unwesentlicher Grund waren auch die sozialen Umgangsformen unter den Mitstudierenden, die er als erschwerend einschätzt. "Die Kommilitonen waren nicht unbedingt an sozialen Kontakten interessiert. Es ging nur darum, die Gruppenaufgabe zu lösen, aber bloß kein Wort darüber hinaus miteinander zu reden", beschreibt Lukas Reinhardt sein Unbehagen über diese Kommunikation.

Seine Mutter und Schwestern sind es, die ihn ermuntern, andere Berufswege auszuloten. "Etwas Handwerkliches sollte es sein. Zuhause habe ich viel gewerkelt." Mit Leder, Holz und Metall hat er schon lange zu tun. In seiner Freizeit gestaltet er leidenschaftlich gern mittelalterliche Kleidung aus Leder, hat für sich und andere schon Ritterkostüme, Röcke und Mieder genäht, Armbänder und Accessoires. Er recherchiert handwerkliche Berufe, Sattler und Feintäschner sind auch dabei. Weil er letztlich schon einen winzigen Einblick in die Polsterei gehabt hat, ist für ihn die Richtung klar. Im vierten Semester steigt er aus dem Informatikstudium aus.

Ab dem ersten Tag bei seinem Arbeitgeber und Ausbildungsbetrieb, dem Raumausstatter Michael Geisler, hantiert er mit Polsternadeln und Holzhammer, Palmfasern und Rosshaar, Diolenwatte und Kaltschaumplatten, mit Gurten, Bezugsstoffen und Bügeleisen. Jeden Tag mehr, und Lukas Reinhardt liebt es, neue Erfahrungen und Herausforderungen zu bekommen. "Es ist eine sehr komplexe Arbeit, die der Laie nicht erkennt", sagt er. Welche Arbeit erforderlich ist, entscheidet die Kundschaft. "Man kann ein altes Möbelstück nach alter Tradition aufpolstern lassen, aber natürlich auch moderner polstern." Allerdings ist es wesentlich interessanter, wenn man das alte Lieblingsstück von Oma "nach der ursprünglichen Handwerksmethode, wie früher gepolstert wurde, wieder aufarbeiten kann", sagt Lukas Reinhardt.

Dass er noch viel lernen kann, weiß er. Wie man Innenausstattungen für Boote fertigt oder die exakte Schnürung der Federn für einen Louis-seize-Stuhl, Restaurationsarbeiten an einem originalen Josef-Hoffmann-Sessel der Wiener Werkstätten oder eine Wandbespannung. "Alles, was weich sein soll und wo ein Stoff darüber kommt, wird gepolstert." Da hat er völlig unerwartet sogar schon unverhofft eine Erfahrung machen können, die nicht alltäglich ist: Für einen Handwerkskollegen seines Chefs wurde er für die finalen Arbeiten zur Wandbespannung im Apollosaal in der Staatsoper Unter den Linden abgeordnet. "Solche Herausforderungen kommen ja nicht so häufig vor, weshalb sie sehr motivieren. Und man bekommt schnell und viel Einblick, wie andere Handwerker arbeiten."

Warum er nicht gleich nach dem Abitur einen handwerklichen Beruf gewählt hat, erklärt er sich mit fehlenden Beratungsangeboten. "Eltern sind ja nicht immer die besten Ratgeber oder nicht die, auf die man gern hört", sagt der Azubi. Und hat eine Idee parat: "Vielleicht muss man wirklich schon an den Schulen einen Berufsberater als Ansprechpartner einstellen, der regelmäßig die Schüler reinholt und mindestens feste Gesprächstermine hat. Das fände ich gut." Ob jemand allerdings sein Talent als Polsterer entdeckt hätte, ist er nicht sicher, nur, dass ihm "eine gute Beratung gefehlt hat", weiß er. "Fachkundige Beratung über die hohen Anforderungen im Informatikbereich zum Beispiel." Umwege über zwei vergebliche Studienversuche und insgesamt sechs Semester wären ihm dann vielleicht erspart geblieben.

Wenn alles gut geht und er den Spaß am Lernen nicht verliert, will er noch eine Ausbildung zum Meister nachschieben, "natürlich, um gutes Geld zu verdienen, aber auch, um Meister genannt werden zu können", schiebt Lukas Reinhardt schmunzelnd nach.

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