Queraufstieg Berlin

Andere Signale, neue Weichenstellungen

Laurent Rouget, Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik


Die Situation ist für ihn eine Premiere. Azubi Laurent Rouget steht im Führerstand einer U-Bahn und zückt seine Messinstrumente, prüft, wo Strom anliegt. Die "Gelbe" steht in einer riesigen, etwa 400 Meter langen Halle der BVG in Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf unweit vom Olympiastadion. Hier werden U-Bahn-Züge einem technischen Check-up unterzogen, auf Herz und Nieren geprüft. Der 25-Jährige darf unter Aufsicht schon mal eine Probemessung üben. Ernst wird es für ihn dann, wenn er im Rahmen seiner Ausbildung hier richtig durchlaufen wird. Zumindest ist es eine Option, im Rahmen des Betriebsdurchlaufs hier auch irgendwann Station machen zu können.

Dass er überhaupt eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), Deutschlands größtem Nahverkehrsunternehmen, bekommen hat, war so nicht geplant, aber erfüllt ihn wirklich mit Stolz. "BVG ist cool, als öffentlicher Arbeitgeber, die Vielfalt, was man beruflich machen kann", sagt Laurent Rouget mit Begeisterung in der Stimme, "BVG hat nur Vorteile, wenige Nachteile."

Zu den Vorteilen zählt er eine klare Struktur, zu wissen, was zu tun ist. "In der Ausbildung bin ich gezwungen, jeden Tag zu kommen, mich zu engagieren und einzubringen. Und das tut mir gut." Laurent Rouget hat nicht immer so gedacht.

"Ich sehe wirklich, was ich tue und ob ich es kann. Beim Studium habe ich fast nur Theorie gelernt, die war auch wichtig, aber eben nur Theorie, auf dem Papier."

Mit seinen gerade einmal 25 Jahren hat der angehende Elektroniker für Betriebstechnik schon einige Aus- und Umwege genommen, am Ende dann den Platz an der Universität mit einem Blaumann, Arbeitsschuhen und gelbem Helm getauscht.

Bis zum Abitur läuft für Laurent Rouget alles gut und in geregelten Bahnen. Der Informatikunterricht ist ein Kinderspiel. Doch weil er sich nicht sicher ist, was er wirklich beruflich anstreben will, nimmt er sich erst mal eine Bedenkzeit, macht ein Freiwilliges Soziales Jahr beim DRK. "Weil ich ein Spätzünder bin. Ich hatte echt lange keine Ahnung, was ich wirklich so machen sollte."

Beim DRK ist der Abiturient für den Hausnotruf tätig, muss Geräte warten oder verkaufen, macht Bereitschaftsdienst, wenn jemand in der Zentrale anklingelt und Hilfe benötigt. Das Technische macht ihm viel Spaß, am Ende des Jahres ist ihm klar: "Das mit dem Verkauf und dem Marketing ist nichts für mich, aber die Geräte reparieren war cool." Laurent Roget ist pragmatisch. Mit Computern und verschiedensten Anwendungsprogrammen kennt er sich bestens aus. "Videos bearbeiten, Videosequenzen animieren, damit hatte ich mich beschäftigt, das konnte ich." Für ihn ist Informatik die Option. Doch was auf ihn zukommt, überfordert ihn.


"Analysis für Ingenieure, das ist pure Mathematik und ich habe nur noch versucht, das irgendwie hinzubekommen."

Nach zwei Semestern ist er am Zweifeln, will aber durchhalten. Im dritten wird ihm endgültig bewusst, dass er sich mehr quält, als ihm lieb ist. Er bricht sein Studium ab.

Weil er sportlich aktiv und körperlich fit ist, weil er von seinen Leistungen überzeugt ist, hatte er sich nach dem Abitur schon einmal bei der Berliner Polizei beworben. Er versucht es ein zweites Mal, landet diesmal auf der Warteliste. Aber warten will Laurent Rouget nicht. Von der Familie kommen Fragen. Er spürt Druck, sich entscheiden zu müssen.

Durch seinen Kopf geistert noch der Kindheitswunsch Feuerwehr. "Aber um dort beruflich eine Chance zu haben, benötigt man einen handwerklichen Beruf", weiß er.

Zumindest von einem handwerklich-technischen Berufsbild hat er eine Vorstellung, da sein Vater als Elektriker arbeitet. Dass er praktische Fähigkeiten und Interesse besitzt, weiß er zudem aus seinem Freiwilligen Sozialen Jahr. "Also habe ich mir überlegt: Dann bewerbe ich mich überall, wo es möglich ist, für Elektroniker und Mechatroniker und schaue, welche Zusage kommt oder was passiert." Rund 30 Bewerbungen schreibt Laurent Rouget binnen einer Woche. 

Welchem Umstand es zu verdanken ist, dass eine Woche vor Beginn des Ausbildungsjahres der erlösende Anruf der BVG kommt, weiß er bis heute nicht. Aber dass er damit einen Sechser im Lotto gezogen hat, ist ihm sehr bewusst.

"Wir lernen von der Pike auf alles, was man in diesem Beruf wissen muss, auf sehr hohem Niveau." Und plötzlich macht Mathematik wieder Spaß. "Auch die vielen Formeln, die man können muss, um zu berechnen, damit am Ende alles funktioniert«, sagt er lachend.

Dass er nach dem Abitur auf ein Studium fokussiert wurde, bedauert er heute. "Nach dem Abitur kommt ein Studium, das war unsere Option." Dass ein möglicher Berufsweg auch eine Ausbildung sein könnte, war nie richtig im Blickfeld. "Es wäre schon cool gewesen, wenn uns jemand gesagt hätte, eine Ausbildung geht auch klar. Gab’s aber nicht."

Längst hat er vergessen, was ihn im Studium die Füße weggezogen hat. Er hat neue Ziele, kann sich ausprobieren, auch im Team. Gerade übt er sich in der Ausbildung darin, ein Projekt zu leiten.

"Es macht Spaß, etwas zu koordinieren. Ich bin sonst verplant, aber ich mag es, Aufgaben zu verteilen, mit anderen zusammen an deren Problem zu arbeiten, um eine Lösung zu finden."


Er kann sich überlegen, ob ich nach der Lehre noch einen Techniker dranhängt oder den Meister, aber dafür ist es noch viel zu früh, auch die Entscheidung, in welchem Bereich Laurent Rouget seine Zukunft sieht: Tram, Bus oder U-Bahn? Alles rund um die Signalanlagen und wie man sie steuert, interessiert ihn zumindest. "Ich werde schauen, was sich im Betriebsdurchlauf ergibt, denn das ist das wahre Leben in der BVG."

Seine Eltern hatten ihm oft gesagt, Arzt werden sei toll, da könne man Geld verdienen, ein Beruf mit Prestige. Eine Ausbildung mit Prestige und Zukunft hat er auch ohne Medizinstudium gefunden. Manchmal braucht man andere Signale und Weichenstellungen. 

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